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Grundsätze der Dekubitus-Behandlung

Prinzipiell gilt für die Behandlung von Druckgeschwüren eine Faustregel: Je früher und konsequenter mit der Therapie begonnen wird, desto besser. Ein fortgeschrittenes Ulkus erschwert und verlängert die Therapie, die unabhängig vom Stadium des chronischen Geschwürs anhand einiger grundsätzlicher Handlungsleitlinien erfolgt.

Auf der Prioritätenliste dieser Leitlinien steht die Beseitigung der Ursache des Dekubitus an erster Stelle: die Befreiung der betroffenen Stelle von Auflagedruck, Reibung und Scherkräften. Wird darauf verzichtet, ist die Therapie zum Scheitern verurteilt. Es macht keinen Sinn, die Symptome zu kurieren, wenn nicht gleichzeitig eine konsequente Druckentlastung stattfindet. Nur so wird die Versorgung der Wunde mit Sauerstoff gewährleistet, ohne die kein Heilungsprozess einsetzen kann.

Doch auch wenn alle übrigen Therapiemaßnahmen der Druckentlastung nachgeordnet sind, müssen sie ebenso sorgfältig und kontinuierlich durchgeführt werden.

Die lokale Therapie umfasst die Wundversorgung, d.h. Druckentlastung, Wundreinigung und Wundheilung, während die systemische Therapie den gesamten Menschen in den Blick nimmt. Ihre Aufgabe ist es, Schmerzen und Infektionen zu bekämpfen, eine ausreichende Ernährung zu gewährleisten sowie die Kommunikation zwischen Fachpersonal und Patient sicherzustellen.

Wie wichtig die Beachtung all dieser Faktoren ist, illustriert die Sonderstellung des Dekubitus, die aus dessen verzögerter Wundheilung resultiert. Von allen sekundär heilenden Wunden besitzen Dekubitalulzera die schlechteste Gesundungstendenz; nicht alle Möglichkeiten der Genesungsförderung auszuschöpfen, ist demnach fahrlässig und sachlich nicht zu rechtfertigen.

Die Ursachen für die schlechte Heilungstendenz von Dekubitalulzera sind vielfältig. Im Gegensatz zu anderen Wunden ist bei Druckgeschwüren die FIBRINOLYSE ebenso eingeschränkt wie die sonst zu beobachtende Kapillarsprossung. Gleichzeitig zerstören die Stoffwechselprodukte der Bakterien und Enzyme aus den absterbenden Zellen das EPITHEL, so dass die äußerste schützende Zellschicht der Haut sich nicht regenerieren kann; auch wird das GRANULATIONSGEWEBE, ohne das keine Gewebeneubildung denkbar ist, nur unzureichend mit Blut und Sauerstoff (Gewebehypoxie) versorgt. Zudem hemmt der Eiweißverlust durch das austretende Exsudat den Heilungsprozess. In Kombination mit dem erhöhten Eiweißbedarf des Organismus bei Gewebeneubildung und der Tatsache, dass viele, besonders ältere Dekubitus-Patienten mangelernährt sind, beeinträchtigt der resultierende Eiweißmangel die Wundheilung erheblich. Dass die benachbarte Haut ein ideales Keimreservoir unterschiedlichster Erreger bereithält, insbesondere aus dem Darmtrakt und der Mund-Rachenhöhle, erschwert den Genesungsprozess durch Infektionen zusätzlich. Auch können Grunderkrankungen des Patienten wie Anämie und Herzinsuffizienz sowie bestimmte Medikamente (etwa Glukokortikosteroide und Zytostatika) die Wundheilung verzögern.

In den letzten Jahren wird vermehrt Hoffnung auf so genannte Wachstumsfaktoren (WF) gesetzt, Proteine, die das Zellwachstum, besonders Proliferation und Sekretion, stimulieren und damit die Wundheilung beeinflussen. Die Herstellung dieser Wachstumsfaktoren erfolgt gentechnologisch oder via Isolation aus dem Blut des Patienten. Mediziner hoffen, mit Wachstumsfaktoren in Zukunft die Wundheilung forcieren zu können.

Doch selbst dann, wenn diese Hoffnung erfüllt werden sollte, wird eine umfassende und damit erfolgreiche Dekubitustherapie alle Aspekte zu beachten haben; das isolierte Durchführen von Einzelmaßnahmen bringt keinen Fortschritt und wird nur zu einer Verschlechterung des Zustands führen.